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Ein Haus voller Geschichten

Das Friedel-Orth-Hospiz lebt von seinen Gästen, Mitarbeitenden und Unterstützern. Jeder von ihnen hat seine eigene Geschichte, die er mit dem Haus verbindet.

Tränen sind erlaubt

Sonntag, kurz nach 14.00 Uhr, auf dem Spitzböhn im Friedel-Orth-Hospiz in Jever: Jochen Krauss und Hilda Corell sind fleißig: Sie decken die Tische ein und sprechen über das Trauercafé, das in einer knappen Stunde losgeht. "Angemeldet haben sich 14 Trauernde, erfahrungsgemäß kommen auch immer ein paar Menschen spontan vorbei", sagt Jochen Krauss. Er ist seit etwa eineinhalb Jahren ehrenamtlicher Teil des Trauercafés, genau wie Hilda Corell.

Alle zwei Monate bietet das Friedel-Orth-Hospiz Menschen, die ihren Partner, ihren Bruder, ihre Schwester oder auch einen Nachbarn verloren haben, einen geschützten Raum, an dem sie sich austauschen können. Wie lange der Tod in etwa her ist und wie häufig sie das Trauercafé aufsuchen, ist ganz unterschiedlich. "Einige Besucher kommen nur ein oder zwei Mal vorbei, andere über mehrere Jahre", erklärt Hilda Corell. "Die Menschen hier begegnen sich auf Augenhöhe, geben sich Tipps, hören zu", ergänzt Jochen Krauss. "Es haben sich hier auch schon neue Kontakte entwickelt und einige der Besucher treffen sich mittlerweile auch außerhalb des Trauercafés."

Mittlerweile sind auch die beiden Ehrenamtlichen Christa Kuprat und Elke Bothe eingetroffen und unterstützen bei den Vorbereitungen. Es wird Kaffee organisiert, Blüten liebevoll auf den Tischen verteilt und Kuchen geschnitten.

Um kurz vor 15.00 Uhr treffen die ersten Besucher des Trauercafés ein. "Wir Ehrenamtlichen verteilen uns ein bisschen unter den Besuchern und schauen, wo besonders Gesprächsbedarf besteht", erzählt Jochen Krauss. Zunächst begrüßt er jedoch die Anwesenden und weist daraufhin, dass das Trauercafé ein besonders geschützter Raum ist, an dem natürlich auch Tränen erlaubt sind. Außerdem liest er eine Geschichte vor, heute ist es "Spuren im Sand" von Margaret Fishback Powers. "Die Menschen brauchen anfangs immer ein bisschen, um aufzutauen. Eine Geschichte am Anfang kann dabei helfen."

Es dauert nicht lange, bis die Gespräche in Gang kommen - so auch bei Ottrud Röttger, deren Mann Holger im Oktober 2015 verstorben ist. Wenige Wochen vor seinem Tod hatte sie Kontakt zum Friedel-Orth-Hospiz aufgenommen. "Als klar wurde, dass mein Mann austherapiert ist, habe ich mit Frau Woda und Frau Grimm vom Hospiz gesprochen. Kurz bevor Holger hier aufgenommen werden konnte, ist er jedoch verstorben", erzählt Ottrud Röttger. Das Friedel-Orth-Hospiz ist für sie dennoch ein besonderer Ort: "Dieses Haus mit seinen Mitarbeitern ist ein Segen. Und auch das Trauercafé ist für mich ein großes Geschenk." Mittlerweile hat sie zu drei anderen Besuchern außerhalb des Trauercafés Kontakt: "Wir treffen uns alle vier bis sechs Wochen. Anfangs haben wir fast nur über unsere verstorbenen Partner gesprochen, mittlerweile reden wir aber auch über unsere Kinder und Enkelkinder und alles, was uns beschäftigt."

Nach gut eineinhalb Stunden geht das Trauercafé dem Ende zu. Jochen Krauss liest eine weitere Geschichte vor und weist auf den nächsten Termin an hin. Außerdem besteht bei Bedarf die Möglichkeit, mit den Ehrenamtlichen Einzelgespräche zu führen. Heute ist das nicht der Fall.

Jochen Krauss, Hilda Corell, Christa Kuprat und Elke Bothe tauschen sich über den Tag aus. "Es war ein sehr lebendiger Austausch", stellen alle vier fest. Nun räumen sie noch auf und verabschieden sich - bis zum nächsten Mal.

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Trost in schweren Zeiten

Eine besondere Idee für junge Menschen, mit ihrer Trauer beim Verlust eines geliebten Menschen umzugehen, entwickelte Katrin Herz, Pflegefachkraft im Friedel-Orth-Hospiz. In einer Trostkiste bewahrt sie verschiedene Gegenstände auf, die symbolisch die Gedanken, Wünsche und Empfindungen der jungen Leute aufnehmen. Dazu gehören z. B. Trauerpüppchen, Schmeichelsteine, Wärmekissen, Briefumschläge oder Bücher.

"Ich habe immer wieder gemerkt, dass es Menschen gut tut, in so einer schweren Situation etwas in der Hand zu haben", sagt Katrin Herz. "Die Gegenstände für die Trostkiste habe ich dafür sehr sorgfältig ausgewählt." So spendet das Wärmekissen Wärme in dieser sehr kühlen Situation und der Briefumschlag ist für kleine Briefe, mit dem Kinder ihren Eltern oder Großeltern noch etwas mit auf ihre letzte Reise geben können.So hat sich ein achtjähriges Mädchen  gemeinsam mit ihrem Vater von ihrer Mutter eine Locke abgeschnitten, als diese verstorben ist. Anschließend hat sie sich selbst ebenfalls eine Strähne abgeschnitten, die sie in einem kleinen Briefumschlag ihrer Mutter mit auf ihren letzten Weg gegeben hat. "Im Endeffekt muss in jedem Moment spontan entschieden werden, was zu der jeweiligen Person gerade passt - da ist schließlich jeder Mensch anders."

Die Idee zu der Trostkiste kam Katrin Herz, als die Mutter eines zehnjährigen Mädchens im Sterben lag: "Ich selber habe immer einen kleinen Schmeichelstein in meiner Hosentasche. Den habe ich in der Situation dem Mädchen gegeben, damit er ihr in der schweren Zeit Halt gibt." 

Katrin Herz hatte für die Kiste ein Bild im Kopf, das Rudi Opper malerisch umsetzen konnte. So hat er aus einer einfachen Holzkiste ein wahres Schmuckstück gemacht. Auf der einen Seite eine Kinderhand, auf der anderen die eines Erwachsenen - verbunden durch einen Regenbogen. Katrin Herz: "Ich finde, das ist ein schönes Symbol und zeigt, dass die Menschen auch über den Tod hinaus miteinander verbunden sind - nur auf zwei verschiedenen Seiten."

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Ein letzter Wunsch

Ein Gast des Friedel-Orth-Hospizes wünschte sich, einmal Norman Langen zu treffen. Die Infinitas-Kay-Stiftung aus Hamburg mit Mark Castens konnte diesen Wunsch erfüllen.

Gemeinsam lachen und trauern

„Die Dankbarkeit, die wir im Hospiz spüren, ist das Schönste an unserer ehrenamtlichen Tätigkeit“, sind sich Christel Hahn und Christel Janßen einig. Beide verbringen einen Teil ihrer Freizeit im Friedel-Orth-Hospiz in Jever.

Christel Hahn ist seit mittlerweile fast vier Jahren dabei. „Ich war damals arbeitslos und wollte meine Zeit sinnvoll nutzen“, sagt sie.  „Da ich gerne mit Menschen zusammen bin, war das für mich genau das Richtige.“ Christel Janßen gehört zu den Ehrenamtlichen der ersten Stunde. „Als ich hier meinen ersten Dienst hatte, waren die ersten Fußleisten noch gar nicht richtig befestig“, lacht sie heute. „Dennoch habe ich mich dem Haus gleich verbunden gefühlt.“ Viel länger als dem Haus fühlt sich Christel Janßen jedoch dem Hospiz- und Palliativgedanken verbunden: „Ich komme beruflich aus der Pflege. Als ich vor über 20 Jahren in der Zeitung eine Anzeige für eine Ausbildung als Sterbebegleitung gesehen habe, war mir sofort klar, dass ich das machen möchte.“ Doch auch wenn sie diesem Ehrenamt gerne nachgeht, hatte sie immer den Wunsch verspürt, sich eines Tages auch in einem Hospiz einzusetzen.

Ihr Ehrenamt im Friedel-Orth-Hospiz umfasst das Alltägliche in der Einrichtung, sagen die beiden Christels. „Man kann es sich teilweise vorstellen wie ein großer Haushalt“, so Christel Hahn. Im Mittelpunkt steht jedoch immer der einzelne Gast. „Der größte Teil unserer Tätigkeit spielt sich in der Wohnküche ab. Es ist wichtig, dass immer einer von uns da ist. So können die Gäste, wenn sie das Bedürfnis haben, mit uns ins Gespräch kommen“, ergänzt Christel Janßen. Dann wird geklönt, Fotos angeguckt oder auch Musik gehört – je nachdem, was der Gast möchte und kann. Dabei werden auch oft kleine Wünsche erfüllt. „Gerade das Essen spielt in der letzten Lebensphase oft eine große Rolle – es weckt Erinnerungen“, sagt Christel Hahn. So passiert es auch mal, dass abends auf Wunsch des Gastes noch ein paar Spiegeleier gebraten werden oder jemand eine Currywurst vom Imbiss holt. Doch auch außergewöhnliche Wünsche werden den Gästen erfüllt. „Ein Gast hatte immer eine bestimmte CD gehört. Eines Tages fragte er mich, ob ich Walzer tanzen kann. Als ich das bejahte, hat er mich tatsächlich zum Tanzen aufgefordert und wir haben in der Wohnküche zusammen getanzt“, erinnert sich Christel Janßen. Für Christel Hahn ist ein anderer Moment in ganz besonderer Erinnerung geblieben: „Wir hatten einmal einen Gast der großer Fan von Werder Bremen war. Eines Tages kam der ehemalige Werder-Manager Willi Lemke ins Hospiz. Neben vielen Fanartikeln hat er vor allem Zeit mitgebracht. Das fand ich großartig. Unser Gast konnte sein Glück kaum fassen.“

Doch trotz aller schönen und fröhlichen Momente wird im Hospiz natürlich auch getrauert. „Gerade, wenn ein Gast länger im Hospiz ist, bauen wir oft eine Beziehung zu ihm auf“, sagen die beiden Christels. „Dann sind wir besonders traurig, wenn er gehen muss. Aber wir lernen, damit umzugehen, denn auch das gehört dazu.“ Um die Ehrenamtlichen mit ihren Gedanken nicht alleine zu lassen, können sie an der Supervision teilnehmen. Außerdem haben auch die Hauptamtlichen immer ein offenes Ohr für sie.

Wer Lust hat, sich im Hospiz ehrenamtlich zu engagieren, sollte vor allem Zeit mitbringen. „Wir haben feste Tage, an denen wir im Hospiz sind. Die haben wir fest in unseren Alltag integriert. Das ist auch wichtig, schließlich muss auf uns Verlass sein“, sagen beide. „Auch wenn wir ein tolles Team sind, würden wir uns sehr freuen, wenn wir bald neue Ehrenamtliche in unserer Mitte begrüßen können.“